Vom »Martyrium der Auserwähltheit« bis Ringelnatz

Das Günter Grass-Haus startet ab 10.9. bis zum 1.4. nächstes Jahr offenbar eine Herbst-Winter-Frühlings-Großoffensive namens »Kunst und Komik« und hat als seinen Gewährsmann Ringelnatz in Stellung gebracht.

Daneben wird bekannt gegeben, dass in den Kammerspielen des Theaters Lübeck demnächst Anna Thalbach eine Lesung abhalten wird, Titel »Martyrium der Auserwähltheit«, was leichthin schon ein höchst interessantes Ansurfen auf »Kunst und Komik« sein dürfte.
Da sollten wir hingehen, sind aber Gott sei Dank nicht eingeladen.

Das Martyrium der Auserwähltheit, das da gemeint ist, ist nicht etwa das prominenter Menschenbestien, Schinder, Schänder, Mörder, Steuerhinterzieher und dergleichen, die mal keine Bewährung bekommen haben, sondern es ist hier das Martyrium von jenen gemeint, die auserwählt sind prominent zu sein, reich, erfinderisch, Künstler, Künstlerfamilien anzugehören oder alles zusammen.
Es ist ein Martyrium also auf so hoher Welle, dass sie bis ins Lübecker Stadttheater trägt.
Wir, die lebendig Toten, sollten schon darum hingehen, um auch das Martyrium der Auserwähltheit einmal kennen zu lernen, denn wir sind hauptsächlich nicht auserwählt, je auch nur ein Bisschen davon zu schmecken.
Wir kennen bloß das Martyrium der Nichtauserwähltheit, das allerdings weniger von guten Eltern, sondern vielmehr nicht von schlechten Eltern ist.
Jammern auf diesem Niveau entbehrt neben allen Entbehrungen ganz bestimmt nicht der Komik, und immerhin ist es ein Martyrium auf einem Niveau, das nicht wie gewöhnlich ignoriert wird, sondern auf der Flucht vor der Auserwähltheit in der Verzeiflung sein Heil in Stadttheatern findet.

Ins Grass-Haus geschafft hat es aber doch endlich auch einer, der die Martyrien der Nichtauserwähltheit bis zur bitteren Neige ausgekostet hat: Ringelnatz!
Unter den Nazis Auftrittsverbot, gestorben an »Schwindsucht« (Tuberkulose), 9 Leute begleiteten seinen Sarg, man spielte »La Paloma«, sein Lieblingslied, heute Ehrengrab auf dem Berliner Waldfriedhof im Feld 12-D-21.

Zu Ringelnatz haben wir eine ganz besondere Beziehung.
Nicht nur darum, weil er tot ist.
Einer von uns hat vor einigen Jahren einen kleinen Ringelnatz hergestellt, Kopf und Hände geschnitzt, ein Programm einstudiert und aufgeführt, dem Programm Ringelnatz´ ähnlich, mit dem er in den 20ern des 20ten als »reisender Artist« unterwegs gewesen und bis Paris gekommen ist.
Unser Kollege hat nach einer Aufführung mit dem kleinen Ringelnatz im Marinemuseum Wilhelmshaven dem Grass-Haus Ringelnatz für eine Ausstellung vorgeschlagen, weil der ja ein nicht unbedeutender Maler, also eine Doppelbegabung, gewesen war und das Grass-Haus damals programmatisch Doppelbegabungen á la Grass präsentiert hat.

Auf eine Antwort wartet unser Kollege heute noch aber nicht mehr (als so selbstverständlich und eingefleischt hat er inzwischen Herablassung und Ignoranz gegenüber »Unbedeutenden“ kennen gelernt und mit größerem Interesse neuerdings von deren Verfeinerung zu einem speziellen Verfahren gelesen, das »Anästhesierung“ heißt).
Der Kollege hat damals für Ringelnatz neben der Leiterin des Grass-Hauses auch Jörg-Philipp Thomsa (aktuell Leiter des Grass-Hauses), auch Grass selbst angesprochen und von ihm immerhin die Anwort erhalten, dass man sich in die Angelegenheiten des Museums nicht einmischen wolle.

Das ist etliche Jahre her, aber nun ist es soweit, Ringelnatz hat es geschafft ins Günter Grass-Haus – hurra! »Kunst und Komik«!

Dass es mit der Kunst so eine Sache war, ist längst vorbei, heute hat sie Komik im Vorgeschmack:
»›The whole life is vive la merde!‹ – Schauspielerin Rachel Behringer gibt einen Vorgeschmack auf die kommende Ausstellung ›Ringelnatz – Kunst und Komik‹«
kündigt das Grass-Haus als Spektakel zur Lübecker Museumsnacht für heute, 26.8., an.

Das ist wirklich komisch!
»The whole life is vive la merde!« ist eine Zeile aus dem Gedicht »Kuttel Daddeldu im Binnenland«, in dem Daddeldu für die Kinder in Eisenach besoffen spielt und nämlichen Satz brüllt, worauf er »polizeilich eingesperrt« wird, was sich an und für sich schon sehr schön auf »merde« reimt.

Es ist ein Coup von Kuttel Daddeldu im Grass-Haus als Frau Behringer aufzutreten, womöglich wie in Ringelnatz´ Rotkäppchen als »schönes Mädchen, so rot wie Blut und so weiß wie Schnee und so schwarz wie Ebenholz. Mit so große runde Augen und hinten so ganz dicke Beine und vorn – na kurz, eine verflucht schöne, wunderbare, saubere Dirn.«

Tja, mon Ringelnatz, this is vive la merde.
»Vor allen Dingen muss man die Tiere lebendig pressen« aus »Terrbarium« als Motto oder »Mir selber ging alle Ehre vorbei« hätte vielleicht auch nichts geholfen, und mit jemandem, dem alle Ehre vorbei ging, will sich hier niemand abgeben, zumal in Verbindung mit dem Grass-Haus.

Bei Ringelnatz gehts im Gedicht so weiter: »Und ich pfeife durchaus nicht auf Ehre, im Gegenteil« – auch wir pfeifen nicht drauf.
Bei uns soll der lübsche kleine Ringelnatz nicht und unser Kollege auch nicht – untergehn, im Gegenteil:

Noch ein Interview:

Lotte: Warum hast du diesen Ringelnatz gemacht?
Kollege: Ich habs lange schon gewollt, erst später gekonnt, sein Anzug ist maßgeschneidert, und es war nicht vergebens.
Lotte: Und bis wohin bist du damit gekommen?
Kollege: Kilometermäßig am weitesten lag Wurzen!
Lotte: Wurzen?
Kollege: Ringelnatz´ Geburtsstadt, ein Nest bei Leipzig bzw. Leibdsch. Da wars noch komischer, als es hier vermutlich sein wird. Dann Marinemuseum Wilhelmshaven, Modemuseum Meyenburg, Travemünde. Dort sogar zusammen mit Wolf-Rüdiger Ohlhoff, ehemaliger Veranstaltungsleiter Bereich Kunst und Kultur der Hansestadt Lübeck, der unsereinen noch bemerkt hat! Ohlhoff hat aus Ringelnatz´ Büchern gelesen, der kleine Ringelnatz sagte Gedichte auf, das ging eineinhalb Stunde.
Deram weitesten entfernte Auftrittsort war Lübeck: Stadtbibliothek und etliche Male in meinen Ateliers – als ich noch eins hatte. Voll wars ja manchmal, aber von denen aus den Egozentren hat das nie einen –
Lotte: Jaja. Am weitesten war Lübeck?
Kollege: Ja, alles zu Fuß errreichbar, wovon mich Welten trennen.
Lotte: Aber jetzt das im Grass-Haus, das wäre doch eine Chance.
Kollege: (lacht) Jaja. Ich hab von einer Freundin sogar eine mail bekommen mit was Ähnlichem – da besteht nicht die Spur einer Chance. Jede Wette.
Lotte: Du musst dich vielleicht da nur mal in Erinnerung bringen.
Kollege:  Das werd ich mitnichten tun.
Lotte:  Natürlich, das wäre surreal. Die wissen genau, was sie tun und noch genauer, was sie nicht tun. Ich frag auch nur, weils ein Interview ist, weißt du. Kannst du uns noch was über den echten Ringenatz sagen?
Kollege: 1883 bis 1934. Er war nur 1,57, fleißig, charismatisch, ehrempfindlich, tragisches Schicksal, sein Leben ist mindestens so interessant wie sein Werk; seine Gedichte hat er in einem leicht sächselnden Singsang aufgesagt.
Ringelnatz ist Herzenssache.
Lotte: Lieblingsgedicht?
Kollege: Mehrere, aber passend zum Thema genügen zwei Zeilen:

»Und wer mich haßt, – – – sie mögen mich nur hassen! Ich darf mich gründlich an den Hintern fassen sowie an den avant-propos.«

Das Interview führte Lotte Schessky
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