Rundgang – Raus aus der Spielothek, rein ins Vergnügen!

Über Mangel an Fortschritt und Unterhaltung kann man sich nicht beklagen.
Das Wetter dagegen gleicht dem Fernsehprogramm. Man fragt sich, für wens eigentlich gemacht wird und warum. Die Apparatur scheint durch den Gebührenzwang ebenso zwangsläufig am Leben erhalten, unentschieden, wer wen unterhält.

Wie dem auch sein mag, beides, Fernsehen wie Wetter sind zwar öffentlich und können rechtlich anstellen (darum Anstalt), was sie wollen, man ist machtlos, und gegen Un- oder Mistwetter wird ein Wetterrat ebensowenig etwas ausrichten können wie der Rundfunkrat etwas ausrichten zu können scheint gegen Programm-Paternoster, Propaganda und Langeweile als Schlager.

Auf das Wort eines Sultans hat sich im Moment allerdings ein Sesam aufgetan, ein großformatiges Sommerloch, worin es hallt und widerhallt von Phrase und Pathos, ein verführerisches Loch zu feierlicher Nacht, um hinein zu drängen wie gemacht, und zu werden, was aus ihm schon kroch.
In Lübeck gibts auch Sommerlöcher, ja, es scheint sich hier eine gute Entwicklung zur Hauptstadt der Sommerlöcher durch mannigfache Bautätigkeit zu vollziehen.

Neben allerhand Gruben und Löcher, die schon da sind, wird nach anderen noch gebohrt, gestemmt, gerammt, gegraben oder demnächst.
Man scheint kaum nachkommen zu können.
Fällt ein lübscher Künstler zufällig in eins hinein, kann er sich womöglich für ein halbes Jahr darin ein Atelier einrichten.

Oben am Friedhof wurde vor kurzem noch eine Baustelle aufgemacht, die charakterlich stark erinnert an KISHONS Blaumilchkanal, der keinem Plan, sondern der Liebe eines Einzelnen zum Presslufthammer entsprang – WIKIPEDIA:
Die Bürokratie-Satire handelt von Kasimir Blaumilch, einem aus der Irrenanstalt entflohenen Geisteskranken, der prompt beginnt, die wichtigste Hauptverkehrsstraße Allenby Road in Tel Aviv mit einem Presslufthammer aufzureißen.
Da handelte es sich um nur eine Baustelle!
Zugunsten der lübschen Bürokratie muss man deshalb einräumen, dass diese wie jeder andere Bürger es zurzeit ungleich schwerer hat, zwischen den zig eigenen Baustellen einen Blaumilchkanal auszumachen und zu erkennen.
Einige sehen durchaus verdächtig aus.

Da wären die bestehenden Baustellen vor Ort einmal zu zählen und die Summe aller mit den tatsächlich regulär geplanten und praktisch begonnenen, amtlichen Baustellen ohne Unterscheidung nach Sinn, Unsinn oder Wahnsinn in Vergleich zu bringen.
Bleibt eine über oder sinds ein paar, die über sind, könnte es sich um Hobby-archäologische Grabungen handeln, zierlichen Kanalbau oder dass die alte Sehnsucht nach einer lübschen U-Bahn wieder erwacht und in Angriff genommen wurde.
Alles ist heute möglich.

Zum Beispiel könnte der Plan, den gesamten lübschen Verkehr auf Wasserstraßen zu bringen, gefasst worden sein.
Der hat durchaus allerhand für sich, soviel, dass „von Unser Lübeck“ ohne kommerzielle Interessen das gemeinnützige Projekt eines Ollikönigkanals als Hauptverkehrsader bereits begonnen worden sein könnte.
Warum nicht?
Die etlichen Brücken würden überflüssig, deren dringende Sanierungsbedürftigkeit sich vielleicht schon im nächstes Jahr als fortbestehend herausstellt und neu gebaut und alt ohnehin abgerissen werden muss!

Wie die Brücken in einem lübschen Venedig oder venedigen Lübeck, Wasserstraßen-Hauptstadt dann, weg könnten, so auch die Radwege, die Pflasterstraßen und daneben die Fußwege, die man aus der Haustür wegen der freien Radfahrer nur mit Mühe und äußerster Vorsicht betreten kann – und und und!

Nun gut; der WOCHENSPIEGEL meldete, am Koberg sei „die Fahrbahn nackt“.
Gehn Sie hin und schaun Sie sichs an.
Nicht wegen der nackten Fahrbahn, von deren Blöße Sie sich vielleicht zuviel versprechen (zwar mit der Nacktheit des Kobergs ohne Geibel jetzt eine Gesamt-Augenweide), sondern der Weg ist das Ziel.
Werktags kann man sich an der Normaluhr gegenüber dem Stadttheater für Zehn nach halb Zehn verabreden und könnte auch eine Woche später um Fünf vor halb Zwölf nicht zu spät kommen, denn die Uhr geht nicht vor.
Ein Stück die Beckergrube weiter oben kann man tage- ja, wochenlang nackten Straßenbau betrachten.
Schon sehr interessant.

Doch unser Tipp: Gehn Sie sonntags!
Sie werden sehen am Wegesrand Menschen, Leute, versammelt wie Vogelschwärme vor dem Abflug nach Süden oder aber – weil diese Vögel ja nicht fliegen werden – mehr wie ums Haus die Vögel bei Hitchcock, Stühle und Stangen bevölkernd, Bänke, Bordkanten, Firste, Vorsprünge, Treppenstufen! Massen, Trottoires, Plätze, Boulevards, Städte bevölkernd! Tausende sitzen, hocken, kauern, stehen reihenweise, gehen, schlendern, irren, eiern, stolpern, kurven wie im Rausch durch die lübsche Welt, die Nase am Smartphone.
Die Gesichter leuchten heller als zu Weihnachten.
Unbeteiligte müssen sich durch den Parcour kämpfen, -winden, -rempeln, ein der allgemeinen Fiebrigkeit äqivalent fiebriger Riesenslalom.
Pokémon Go ist ausgebrochen.
Befiehl, wir folgen, schweigend innig in die App vertieft. Ah, man kann, könnte doch auch heute manches noch verstehen lernen, wies in andern Zeiten ging.
CHIP:
Mit dem Smartphone-Spiel Pokémon Go von Nintendo gehen Spieler in der realen Welt auf die Suche nach kleinen virtuellen Monster-Figuren, die sie einfangen, trainieren und gegeneinander kämpfen lassen können. […]
ganz wie die Großen in den modernsten Diktaturen und realen Militärregimes, nur dass diese keine virtuellen Monster schaffen. Die sie schaffen sind zwar menschenähnlich, können sich aber so klein machen, dass man sie nirgends in der Welt mehr finden und einfangen kann.
Jedoch:
„Im Iran wurde das Spiel mit den kleinen Monstern aus Sicherheitsgründen komplett verboten. Die Sicherheitsbehörden und die Abteilung für Internet-Kriminalität seien einstimmig zu dem Ergebnis gekommen, dass Pokémon Go ein gefährliches Spiel sei und daher verboten werden müsse, […]
Auch Malaysias oberste islamische Autoritäten haben den Muslimen des südostasiatischen Landes das weltweit beliebte Handyspiel Pokémon Go verboten. Die Bevölkerung solle davor bewahrt werden, von dem Spiel verdorben zu werden, […]
In Thailand forderte die Militärregierung dazu auf, in der Nähe von Wahllokalen auf Pokémon Go zu verzichten. […]

sieh mal einer an, wer hätte das gedacht?

Vor uns arbeitet sich ein Pärchen voran. Leute, die noch gehen und dabei noch miteinander reden, die noch nichts mit dem Vergnügen zu tun haben, ihm noch nicht folgen.
Er: „Absoluter Wahnsinn, Wahnsinn.“,
Sie: „Nun müssen sie raus!“,
Er: „Sie s i n d draußen!“,
Sie: „Das ist das Gute! Bis jetzt haben sie mit ihren Computerspielen Tag und Nacht in der Bude gehockt. Nun müssen sie raus. Super!“,
Er: „Ja meinste, die haben ihre Bude wirklich verlassen? “,
Sie: „Hallo! Frische Lu-uft!“
Er: „Schöön! Sieht gut aus! Wie aufm – aufm Hof. Ja.“,
Sie: „Quatsch.“

Das ist – und ist doch nicht so kurios. Die, die ihre Umwelt nicht mehr wahrgenommen haben, sind nunmehr zur Umwelt geworden. Sie „bilden“ sie.

Ein Südländer kommt aus einer Spielothek.
Er nimmt die zwei Stufen hinab zum Fußweg, stoppt, orientiert sich, ungläubiges Lächeln, in die nächste Lücke Fandangoschritt in die Menge – raus aus der Spielothek, hinein ins Vergnügen!