MEHR WILLY!

Im Lübecker Willy Brandt-Haus befindet sich zweifellos das Zentral-Nervensystem Willy Brandts.
Es ist als alter ego dessen Ständige Vertretung, es re-präsentiert nicht nur Größe und Bedeutung Willy Brandts, es ist als das Auswärtige Amt seiner Sensibilität auch in allen Fragen der Empfindlichkeiten verantwortlich und stellvertretend kompetent empfindlich.
Anders als die gegenwärtige SPD-Führung.
Die ist selber wer und kann so unsensibel, unstet, ungeschickt, krass, enttäuschend, selbstvergessen, peinlich sein, wie es ihre innere Verfassung eben zulässt.
Das Willy Brandt-Haus darf sich aber vom Geist Willys, von der Pflege des Idealstandbildes nicht wegbewegen noch unbedacht handeln, Kritik üben, sich vermessen.
Wie sicher es seiner Sache ist, wie großartig sein Gespür und Geschmack zur Ehre und Größe Willys und der Partei, das zeigte sich schon vor einiger Zeit, als es eine Willy Brandt-Skulptur auszustellen ausdrücklich abgelehnt hat, weil es sofort sorgenvoll fühlte, dass die Genossen, die seinerzeit mit Willy Brandt so viel durchgemacht haben und noch da sind, die Darstellung »Brandt enstpannt« nicht lustig finden würden.Schon damals hatte das Brandt-Haus recht, nur hatte man zu der Zeit nicht die klare Vorstellung von heute davon, was die Genossen lustig finden.

Diese Lustigkeit stellt für das Brandt-Haus nun eine neue, weitaus kompliziertere Herausforderung dar, auf die es angemessen reagieren muss.
Denn so entspannt ist der Willy heute sicher nicht mehr.

Um es vorweg zu nehmen: die Herausforderung zu meistern gelingt ihm bravourös und kongenial; man merkt, dass es von den letzten beiden Außenministern (SPD) eine Menge Diplomatie gelernt hat.
So ist das Brandt-Haus vermutlich auf die Idee gekommen, dass »mehr Demokratie wagen« einerseits zu wenig Willy wäre, andererseits könnten die Genossen, die soviel damit durch haben, es womöglich nicht lustig finden.
Also hat man sich entschlossen, die Kundschaft diplomatisch und durch die Blume mit »Mehr Willy!« zu reizen:

Man sieht schon, »Mehr Willy!« steht im Gegensatz zu dem, was man von Willy selbst abzubilden gewagt hat: eine Locke von seinem Haar und ein Eckchen von seiner Stirn – man könnte meinen, so wenig war noch nie zu sehen.
Und das ist durchaus sehr verständlich.
Ob es mit der lübschen SPD-Genossen oder denen in den Berliner Maschinenräumen so abgestimmt war, wissen wir nicht.
Wahrscheinlicher ist, dass das Brandt-Hauses in seiner Art weitsichtig sensibel vorgefühlt hat.
Jedenfalls ist ihm ein genial-diplomatischer Kompromiss zwischen zwei Fleigen auf einer Klappe gelungen:
zum einen und ersten wird den lübschen Genossen nicht zugemutet, hinter jeden zweiten Ecke dem Willy gegenüber zu stehen, unter seinen Augen zu wandeln, sich von ihm verfolgt zu fühlen, zum andern sieht der Willy nichts.
Man kann ja nie wissen.

Advertisements